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Publisher:
Dokumentationsstelle für ost- und mitteleuropäische Literatur
ISBN:
ISSN:
Publication Date:
31. Juli 2026
Edition:
In stock:
YES
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Country: Austria
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Alexandra Salmela
22 CAMILLA
(über die therapeutischen Aspekte des Anbaus von Nutzpflanzen)
Verdammt. Fast ein halbes Jahr ist spurlos verschwunden und die Arbeit ist immer noch ein totales Chaos. Zum Glück bleibt immer Zeit für etwas anderes. Man könnte sich zum Beispiel in den Anbau von , Pflanzen in der Wohnung vertiefen.. Camilla brachte Blumentöpfe, Erde und die passenden Werkzeuge mit nach Hause und stürzte sich ohne unnötige Verzögerung in die Arbeit. Besonders die Paradeiser gediehen hervorragend auf der sonnigen Brüstung. Sie gediehen dort so gut, dass die Setzlinge bis Ostern in größere Töpfe umgepflanzt werden mussten, die nach und nach ALLE horizontalen Flächen vom Boden bis zur Decke bedeckten, bis sie schließlich, zu Ehren der Maifeierlichkeiten, den Zugang zum Balkon blockierten, der bereits mit Säcken voller Erde und schwankenden Türmen noch größerer Töpfe verstellt war. Wenn die Nachtfröste doch nur endlich aufhören würden, dann könnte dort wieder Ordnung geschaffen werden, dachte Camilla. Aber zu Christi Himmelfahrt hat es dezent geschneit.
Camilla drängte sich an den Rand des Sofas neben einem Topf mit Paradeisern und versuchte, sich in ein Buch zu vertiefen. Es gelang ihr nicht. Es war körperlich extrem schwierig, auf einer Hälfte ihres Hinterns zu sitzen, aber die andere Hälfte passte überhaupt nicht auf die Couch, obwohl Camilla ihr Hinterteil mit aller Kraft zusammenpresste. Sie geriet in Panik, weil sie während der häuslichen Isolation nicht nur ein paar Pfund, sondern gleich mehrere Dutzend Pfund zugenommen hatte, da sie nichts Besseres zu tun hatte, als im Lehm und im Fraß zu manschen. Es war notwendig, sofort mit einer Diät zur Fettreduktion zu beginnen und auf eine gesunde, rein pflanzliche Ernährung umzustellen. Bald wird sie sich ausschließlich von Paradeiser ernähren können, die im Überfluss vorhanden sein werden, und die Kilos werden purzeln, bis sie rauscht. Oder vielleicht auch nicht. Camilla verdrängte den schrecklichen Gedanken an ein durch krankhafte Fettleibigkeit ruiniertes Schicksal aus ihren Gedanken und den Paradeisertopf aus ihrem Hintern, in den er sich immer wieder hineingedrängt hatte. Sie machte auch Platz für die zweite Hälfte der Sitzung und blätterte um. Etwas stupste sie an der Seite. Es kitzelte. Camillas Körper berührte die üppigen Paradeiserblätter. Genauer gesagt, Camillas Körper überwucherte ein Gewirr von Trieben, pfui, widerlich! Camilla zog den Bauch ein und hielt den Atem an, um ihr Körpervolumen zu minimieren, aber sie konnte nicht genug Abstand zu dem Paradeiser gewinnen. Als ob die Pflanze sie absichtlich bedrängen würde. Unsinn, Pflanzen drängen sich nicht absichtlich zu jemanden, Camilla weidete wie ein Schwein, also rannte sie jetzt über die Couch und ihre eigenen Dimensionen, und anstatt mit Charakter in den Spiegel zu schauen, gab sie ihrer Umgebung die Schuld an den Katastrophen. Camilla wird abnehmen. Und sie wird zumindest diese eine Seite zu Ende lesen.
Die Zeit verging, der Lockdown endete nicht, und die häusliche Gewalt nahm im ganzen Land zu. Die Paradeiser wurden immer dreister und aggressiver, aber Camilla brachte es nicht übers Herz, die Polizei zu rufen, obwohl sie sich nicht mehr traute, in ihrem eigenen Bett zu schlafen. Oh, wie grauenhaft konnte sie sich mit der Prinzessin Dornröschen identifizieren! Na ja, o.k., sie war eher Prinzessin Paradeiser. Das klang nicht sehr reizvoll.
Camilla begann, viel Zeit in der Küche zu verbringen, so weit wie möglich entfernt vom Wohnzimmer, das von den Paradeisern beherrscht wurde. Im Hinblick auf die Diät war Camillas Asylplatz voller Heimtücken. Camilla knabberte Zwieback und schlich sich dann ins Badezimmer, um die überschüssigen Kalorien zu erbrechen. Sie kämpfte mit sich selbst, um ihren überdimensionierten Körper wieder in erträgliche Proportionen zu bringen, und gleichzeitig wurde ihr bewusst, wie wichtig es war, in Form zu bleiben, um gegen die Paradeiser ankämpfen zu können, was eine erhöhte Energiezufuhr erforderte. Grrr, wurde Camilla klar. Paradeiser beherrschten ihre Wohnung und begannen nun langsam, auch ihren Geist zu beherrschen. Sie pflanzten ihr Ausdrücke in den Kopf, die mit Gartenarbeit verbunden waren. Ihretwegen verbreiteten sich Ausdrücke wie „keimen“ und „pflanzen“ Die Paradeiser sonderten zweifellos das neurologische Gift ab, dem sie ausgesetzt war. Der Gedanke war so dement, dass Camilla ihn ohne zu Zögern aus dem Geist herausflocht. Von da an schlief sie jedoch zur Sicherheit bei weit geöffnetem Fenster.
Die Maßnahme verbesserte die Situation jedoch in keiner Weise. Die drückende Wirkung der Paradiser verstärkte sich und führte zu einem beklemmenden Gefühl. Auch die Aufblähung ihres Körpers verursachte dieses Gefühl. In Camillas Geist passte kein Gedanke, der keine Beklemmung hervorrief. Camilla passte nicht durch die Tür, ohne an den weichen, filzigen Pflanzen Camilla passte nicht durch die Tür, ohne an den weichen, filzigen Pflanzen anzustreifen. Sie beschädigte ihre Triebe, indem sie wie ein Elefant durch den Pflanzenbestand trampelte. Sie war davon völlig zerstört. Sie brauchte einen Tapetenwechsel, musste unter Leute. Trotz all des Unglücks hatte sie auch Glück: wie gerufen erhielt sie eine Einladung zu einem Organisationstreffen, dessen persönliche Teilnahme unbedingt erforderlich war, und zwar in Form eines Picknicks im Freien, wie es die aufgrund der ungünstigen epidemiologischen Lage geltenden Versammlungsbestimmungen erlaubten.
Camilla verduftete heimlich aus der Wohnung, sie floh vor den Paradeisern. Ach, das Ausleben in Geselligkeit, wie erfrischend! Die Euphorie stieg Camilla zu Kopf. Sie trank aus Versehen ein Glas Weißwein (trocken, 70 kcal/dcl) und damit war der Weg ins Verderben geebnet. Camilla kehrte auf allen Vieren nach Hause zurück. Sie taumelte zur Tür, durchwühlte ihre Taschen, durchwühlte ihre Handtasche, aber sie konnte den Schlüssel nirgends finden. Völlig hoffnungslos. Sie muss den Hausmeister anrufen und ihn bitten, ihr die Wohnung mit einem Universalschlüssel zu öffnen. Was nicht wenig Geld kostet. Was zu dieser Zeit peinlich ist. Und trotz all der Absurdität der gegebenen Lösung drückte sie irgendwie automatisch auf ihre eigene Klingel. Sie überlief es heiß, ihr Herz schlug wie ein Glockenköppel. Camilla schloss die Augen und atmete tief durch. Eine sanfte Brise umwehte sie, als hätte eine zärtliche Hand ihr Gesicht gestreichelt. Sie öffnete die Augenlider.
Die Tür war angelehnt. Camilla traute ihren Augen nicht. Sie war sich hundertprozentig sicher, dass sie vor einem Augenblick noch geschlossen gewesen waren, und sie hatte sie beim Weggehen ganz bestimmt zugeschlagen.
»Wie kannst du dir da so sicher sein, du besoffene Gans?«, stänkerte eine saure Stimme, und Camille vermutete, dass sie weder einen Monolog noch eine Polemik mit ihrem besseren Selbst führte, sondern in eine Debatte mit jemandem hineingezogen wurde, der nicht Teil ihres Wesens war. Es drehte sich ihr Kopf. Sie taumelte. Es war, als hätte sie jemand gewaltsam in die Wohnung gezerrt. Wenn der Vorraum nicht durch die Vielzahl der Paradeiser zu einem undurchdringbaren Zustand verdichtet worden wäre, wäre sie auf die Schnauze gefallen. Die Pflanzen standen in enger Militärformation und richteten ihre Zweige anklagend auf Camilla. Camilla konnte sich nicht vorstellen, dass es an jenem Morgen so viele gewesen wären. Camilla konnte sich nicht vorstellen, dass sie mit ihr an jenem Morgen so herablassend gesprochen hätten. Camilla konnte sich nicht vorstellen, dass sie sie am Morgen angesprochen hätten. Verdammt, Paradeiser sprechen nicht!
Die Paradeiser kreischten.
„Du hast versprochen, uns auf den Balkon zu bringen!“, heulten sie. Das Wetter ist perfekt dafür! Sie krächzten wie gemietete Akteure: Es ist höchste Zeit! Wir brauchen eine wirksame Licht- und Wärmetherapie, wir brauchen ein Solarbad! Wir wollen endlich erblühen! Wir wollen Rouge auf den Wangen!
Camilla schämte sich. Wie konnte sie sie nur so unverzeihlich vernachlässigen? Sie wurde im Nu wieder nüchtern und begann die Blumentöpfe auf den Balkon zu schleppen. Die Paradeiser murrten und befahlen ihr: „Beweg deinen Hintern, du fette Sau, bei dem Tempo verbrennen unsere Blätter noch, wir verdorren hier zu Tode!“ Und tatsächlich glich der Balkon einer Sauna, Camilla schwitzte wie ein Schwein, und die Paradeiser ließen es sie auch merken. Camilla versuchte, sich auf die Gartenarbeitsverrichtungen zu konzentrieren. Gärtnern ist eine prächtige Entspannung. Gärtnern hat sozusagen therapeutische Effekte, die sich heilsam auf das psychophysische Wohlbefinden eines Menschen auswirken. Also warum nicht für das psychische und physische Wohlbefinden des fetten Schweins, peitschten die Paradeiser Camilla. Ein schmerzhafter Eingriff und Camilla riss sich einen Splitter in den Finger ein, „Aua!“, schluchzte Camille und schürfte sich am rostigen Nagel ab, Blut spritzte, und „Hahahaaa!“, wieherten die Paradeiser.
Camilla unterdrückte die Tränen, entfernte sich wälzend in die Küche, benetzte die Augen und soff Wasser aus dem Wasserhahn. Sie war völlig verzweifelt, sie brauchte Liebe, Mitgefühl, Verständnis, sie brauchte etwas, das sie aufmunterte. Sie setzte Kaffee auf, schaltete den Herd an und sank auf einen Sessel. Nur für ein Momenterl. Vom Balkon ertönten sofort Protestschreie. Du kannst nicht alles unvollendet lassen, unsere Wurzeln liegen frei, fällt dir nicht auf, was für eine Hitze hier ist?! Komm zurückund zwar sofort, weinten die Paradeiser: WIR brauchen Wasser, Nährstoffe und Liebe, JETZT, ohne Pflege und Fürsorge werden wir nicht überleben! Wenn wir hier zu Tode schmorren, ist das einzig und allein dein Fehler, du ausgeworfener Fettarsch!
Es stimmte. In Camilla erwachte ein Verantwortungsgefühl. Sie sprang auf und stürzte sich hopp-hopp auf die armen Paradeiser, oh mein Gott, einige von ihnen lagen schon schlaff auf dem Zeitungspapier und schrumpelten unter der sengenden Sonne, oh, welch ein Leid, und das alles war Camillas Schuld!
Camilla fiel auf die Knie, flehte die Paradeiser um Vergebung an und steckte ihre Finger wieder in den Lehm, um sie zu streicheln, zu verwöhnen und zu gießen. Sie rackerte sich ohne Rücksicht auf die Müdigkeit ab, bis alle Pflanzen im frischen, feuchten, nährstoffreichen Lehm standen. Es war fast Mitternacht.
Die Luft war erfüllt von einem betörenden, aufregenden Duft. Die Paradeiserblätter erwachten wieder zum Leben und füllten sich mit grünem Chlorophyll. Doch aus größerer Entfernung drang ein tieferer, stärkerer Geruch heran, schwarz wie die Nacht, vertraut, bekannt als jemandes – Muschi. Kaffee! Der Herd ist an. Die Küche steht in Flammen.
Zum ersten Mal in ihrem Leben war Camilla in der Lage, schnell und richtig zu reagieren. Sie sprintete durch das lodernde Vorzimmer in den Gang, knallte die Tür hinter sich zu (Tür im Brandfall geschlossen halten!), rannte die Treppe hinunter (die Benutzung des Aufzugs ist im Brandfall strengstens verboten!), riss das Eingangstor auf und rannte davon. Ein Feuerwehrauto fuhr die Straße entlang. Hoppla! Und von oben: Aaaah, Hilfe! Und fiuuu - Camilla verschwand rennend hinter der Ecke.
Der neue Tag erwachte im glänzenden Sonnenschein. Die Terrassen waren voller Menschen. Camille brauchte einen Moment, um sich zu besinnen, dass der Lockdown vorbei war und dass Restaurants und Bars heute wieder geöffnet hatten. Sie setzte sich an den erstbesten freien Tisch, bestellte ein reichhaltiges All-inclusive-Frühstück ohne Salat und blickte hinaus auf den sich silbrig kräuselnden Fluss. Er war so tot, dass nicht einmal Algen in ihm wuchsen. Langsam und vorsichtig formte sich in Camillas Kopf so etwas wie ein Satz, aus dem weder posttraumatischer Stress noch das Bedürfnis, ihn zu verarbeiten, hervorkeimten.
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