Eine Gans in der Großstadt

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Publisher: Dokumentationsstelle für ost- und mitteleuropäische Literatur
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Publication Date: 28. August 2026
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In stock: YES
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Country: Austria

Katarína Mikolášová

Eine Gans in der Großstadt

 

"Ich kann in Prag nicht übernachten. Ich habe niemanden, der das Geflügel am Morgen versorgt. Tante Majka ist im Spital und wird an der Gallenblase operiert. So ist es nun einmal in den alten Tagen, immer diese Krankheiten. Nach der Vorstellung fahren wir gleich mit dem Zug nach Hause.".

„Aber wir wollten uns heute Abend zusammensetzen, Pizza bestellen, etwas Wein öffnen... du würdest in meinem Bett schlafen. Janko hat die Luftmatratze schon vorbereitet. Aber du hast Geburtstag.“ In der Stimme der Tochter klang Enttäuschung.

„Das geht nicht, wirklich. Schau, wir machen das so: Wir gehen vor der Vorstellung noch irgendwohin. Ich lade euch zu einem späten Mittagessen ein.“

„Mami, bist du noch bei Trost? Weißt du, wie teuer die Restaurants in Prag sind?“

„Ihr ladet mich ins Theater ein und ich lade euch zum Mittagessen ein“, sage ich entschlossen. „Selbst das Theater in Prag ist nicht billig.“ Meine Tochter wehrt sich nicht länger.

„Dann kaufen wir dir wenigstens einen separaten Schlafplatz für die Rückfahrt.“

„Großartig, dann kann ich wenigstens im Zug einbüseln“, freue ich mich. Aber was ist, wenn ich tief einschlafe? Woher soll ich wissen, wann ich aussteigen muss?“

„Es weckt dich der Zugbegleiter. Er bringt dir warmen Tee und ein Croissant.“

„Ach, auf das Croissant kann man verzichten.“

„Das ist in der Fahrkarte inbegriffen.“

"Passt schon. Einverstanden. Ich freue mich schon darauf, grüß Janko!"

"Danke, Mami! Ruf mich vom Zug aus an, wenn du ankommst"

Meine jüngste Tochter wurde geboren, als ich fast vierzig Jahre alt war. Sie studiert schon seit drei Jahren Medizin in Prag. Davor verbrachte sie vier Jahre damit, im Balkan zu stromern und alles Mögliche anzustellen. Sie wusste nicht, was sie mit sich anfangen sollte. Sie sagte, sie müsse „die Nabelschnur loswerden“. Wir mussten uns Arbeit suchen, sobald wir mit der Schule aufhörten. Heutzutage suchen junge Menschen zuerst nach sich selbst. Manche finden sich erst mit fünfzig. Aber die Hauptsache ist, dass ihr dort nichts passiert ist. Eine Zeit lang war sie als Freiwillige in Albanien, in der Nähe des Ohrider Sees, tätig. Sie arbeitete mit Kindern, aber mehr weiß ich darüber nicht. Dort lernte sie Janko kennen., Jetzt besuchen beide dieselbe Schule und wohnen zusammen in einem Wohnheim, im selben Zimmer.  Gott sei Dank. Obwohl ich nicht weiß, ob es dem Vater gefallen hätte, Als wir studierten, konnten wir uns so etwas gar nicht vorstellen. Es gab getrennte Internate für Mädchen und getrennte Internate für Burschen. Es gab dort immer eine Portierin, die alles genau im Auge behielt. Deshalb mussten die Burschen den Blitzableiter hochklettern, um zu den Mädchen zu kommen. Meine Mitbewohnerin Vladka trug zum Schlafen ein zartes Nachthemd und Spitzenhöschen, die hinten nur einen schmalen Stoffstreifen hatten. Tangas, aber Vladka nannte sie Arschreißer. Wir wussten nie, wann die Burschen kommen, deshalb wollte sie vorbereitet sein. Deshalb saß ich oft  stundenlang auf einem Stuhl im Flur und wartete darauf, dass Vladkas aktueller Freier verschwand. Zum Glück wohnte Vladka nicht lange mit mir; sie flog im zweiten Jahr von der Schule. Ich erst im vierten, wegen einer Ausstellung. Ich soll angeblich öffentlich die dekadente Kultur und Philosophie des verkommenen westlichen Regimes unterstützt haben. Meine Freunde und ich haben Dali ein bisschen nachgeahmt. Macht nichts. (Scheiß drauf!). Ich habe die Schule danach nie abgeschlossen. Aber das ist gut so. Heute könnte ich als Künstlerin kaum meinen Lebensunterhalt verdienen. Ich hatte viele Jahre lang einen guten Job in einem Bekleidungsunternehmen. Dort habe ich beim Entwerfen von Kleidungsdesigns mitgeholfen und die Kleidung zugeschnitten. Es hat mir Spaß gemacht.

Doch jetzt muss ich mir das mit  der Gans ausdenken.

Unlängst hat meine Klassenkameradin Zuzka erwähnt, dass sie mit einem Mann für ein paar Tage in Prag gewesen sei. Sie wohnten in einem Hotel namens Orfeus, wo ihnen gegen Aufpreis eine Küchenzeile zur Verfügung gestellt wurde.

Ich setze mich an meinen Laptop und google es, und im Nu finde ich die Nummer.

„Grüß Gott,  Marie Kudláčková, Hotel Orfeus, Rezeption, was kann ich für Sie tun?“, ertönt fast sofort eine energische Stimme.

"Grüß Gott, Ingrid Sidorová, ich rufe aus der Slowakei an. Ich würde gern ein Einzelzimmer buchen."

"Selbstverständlich, gnädige Frau, wann benötigen Sie es?"

„Nächsten Samstag.“

„Gut einen Moment bitte, ich schaue mal nach... also, es ist der 14. November, das Zimmer ist verfügbar. Wie viele Nächte werden das sein?“

Ich denke einen Moment nach, bevor ich antworte.

"Wissen Sie, ich bräuchte das Zimmer nur für einen Tag. Eigentlich nur für ein paar Stunden. Ja, ich bleibe vielleicht zwei oder drei Stunden."

„Moment, wie meinen Sie das?“

„Ich werde einfach in der Nacht nicht bei Ihnen sein. Ich reise am Abend ab. Aber ich bekomme  am Nachmittag Besuch.“

„Sie sagten, Sie wollten ein Einzelzimmer. Wie ist das eigentlich?“

„Der Besuch braucht  kein Bett“, erkläre ich geduldig.

"Jetzt weiß ich nicht, ob ich Sie richtig verstehe? Werden Sie allein sein oder werden Sie mehrere sein?!"

„Nun ja … eigentlich werden wir mehr sein. Aber nur für eine bestimmte Zeit. Höchstens zwei, drei Stunden.“

“Liebes Fräulein, wie stellen Sie sich das vor? Wir sind hier kein Stundenhotel!“

“Ich höre ein Geräusch, als würde jemand ein Telefon auf eine harte Unterlage legen, und dann eine gedämpfte Stimme: "Hey, ist das eine Hure oder was?!"

Die Frauen am anderen Ende der Leitung brechen in Gelächter aus. Nach einer Weile nimmt Frau Kudláčková wieder den Hörer ab.

„Könnte ich einen Rabatt bekommen, wenn ich nicht übernachte?“, frage ich schnell.

„Sehr geehrte Dame, entschuldigen Sie, aber wir bieten solche Dienstleistungen nicht an. Entweder bleiben Sie die ganze Nacht oder gar nicht. Sie können natürlich auch früher gehen. Das liegt ganz an Ihnen.“

„Ist ja gut. Aber ich würde gerne gegen einen Aufpreis eine Küchenzeile bekommen.“

Ich höre wieder Gelächter, vielleicht möchte sie vorher noch für ihn kochen... dann meldet sich Frau Kudláčková übertrieben höflich: „Selbstverständlich ist die Küche kein Problem. Diktieren Sie mir bitte noch einmal Ihren vollständigen Namen.“

„Oh … ich hätte es fast vergessen! Bitte stellen Sie mir eine Flasche guten Weißwein aufs Zimmer. Bitte legen Sie sie in einen Kübel mit Eis.“

„Sie können sich darauf verlassen...“

Bevor Frau Kudláčková auflegen kann, erreicht mich erneut das Geräusch verhaltenen Lachens.

Restaurants in Prag sind teuer, das weiß ich, aber dieses Hotelzimmer könnte etwas günstiger sein. In diesem Zeitraum sind die Preise für Unterkünfte niedriger, da keine Touristensaison ist. Aber Geld ist nicht das Hauptproblem, meine Rente kommt immer noch regelmäßig rein und ich habe auch etwas Geld gespart. Ich werde mein Kind jedoch nicht in Restaurants schleppen, in denen wir nicht wissen, was und vor allem welche Zutaten serviert werden. Heute ist alles voller Chemie! Blaue Hühner aus China! Reine Krebserreger. Ich habe mir das anders überlegt.

Ich brate die Gans in der Nacht, damit sie frisch ist. Katka vergöttert Kartoffelknödel, ich bereite sie am Vortag zu. Ich dünste den Rotkohl auch in der Nacht. Das Wetter ist den Gänsen dieses Jahr günstig, sie können immer noch grasen. Sie sind begeistert! Eine Hausgans, das ist ja was! Knusprige goldene Haut! Die Klöße zergehen in gelblichem Fett... und am leckersten ist das Schwanzbein. Ich habe natürlich auch mein eigenes Kraut und meine eigenen Erdäpfel. Ach, endlich wird sich Katka eine ordentliche Hausmannskost wohl schmecken lassen! Ist doch ihr Gesichterl so mager wie ein Weidenblatt. In diesem Prag kann sie sich niemals ordentlich satt essen.

Mein Zug fährt um 7:30 Uhr ab. Ich bin gegen Mittag in Prag. Das ist die ideale Zeit. Das wird ein schöner Ausflug!

Schade, dass Igor das nicht mehr miterleben kann. Wir wären zusammen gereist. Wir hätten viel Spaß gehabt. Und die Rezeptionistinnen im Hotel hätten mich nicht für eine Hure gehalten.

Ich muss die doppelte Portion für das Geflügel zubereiten, auch  für die Kaninchen. Das Wasser nicht vergessent. Heu. Ich werde auch ziemlich hohes, frisches Gras im Garten finden, davon werde ich einen Korb voll abreißen. Seltsam, dieser November.

Aber nicht jeder ist so. Alle Nachbarn hier in der Gegend haben nur gelbliche Plüschteppiche. Die Leute in unserem Dorf, das eigentlich in einem Vorort liegt, säen zuerst das Gras, gießen es dann und warten dann gar nicht, bis es wächst, sondern mähen es regelmäßig einmal pro Woche. Vom Frühling bis zum Herbst, jeden Gottessonntagmorgen, klappern sie mit ihren Rasenmähern herum, und das Ergebnis ist ein undeutlicher grüner Brei. Von solchem ​​Gras hat man natürlich keinen Nutzen. Es schmeckt weder Kaninchen noch Schafen. Und Ziegen erst recht nicht. Wer es auch essen würde, solches Gras stinkt nach Benzin und chemischer Bespritzung. Die Tiere spüren das. Das Gras in meinem Garten ist etwas spärlicher, aber im Sommer blühen darin verschiedene Kräuter, was eine Freude ist anzusehen. Ich mähe es mit einer Sense, die mir Katka aus Bosnien und Herzegowina mitgebracht hat. Es soll sich um eine weltberühmte, handgeschmiedete Sense handeln. Sie  hat einen eigenen Namen – Varcarka. Nach dem Ort, an dem sie seit fünfhundert Jahren hergestellt wird. Sie ist hervorragend, mein Rasen sieht viel schöner aus als der von denen, die ihn mit einem Rasenmäher mähen.

Mein Garten unterscheidet sich krass von den anderen, vor allem durch seine hohen, alten Bäume. Ich habe zwei Walnussbäume, mehrere Apfelbäume, zwei Birnbäume, einen Zwetschkenbaum, aber auch eine Erle und ein paar Nadelbäume. Sie stellen Sauerstoff für die gesamte Straße her, aber das interessiert niemanden. Die Leute interessieren sich nur für die Zapfen, die auf die Straße fallen. Angeblich stolpern sie darüber. Ich verstehe nicht, warum fast alle Menschen keine Bäume in der Nähe ihrer Häuser mögen. Sie versuchen ständig, sie auszureißen oder ihnen hin und wieder ein Stück der Krone abzuschneiden. Angeblich, damit sie Licht haben. Ich habe einen uralten Birnbaum. Er ist bereits tot, aber sein Stamm steht weiterhin. Gelegentlich löst sich ein Stück morschen Holzes mit einem dichten Netz dünner Kanälchen. Der Stamm ist grün von Moos und mit Löchern unterschiedlicher Größe bedeckt, in denen jeweils ein Vogel oder ein Insekt Unterschlupf gefunden hat. An einer Stelle wächst aus dem Birnbaum eine winzige Fichte. Ich bin fasziniert davon, wie die Natur das so genial durchdacht hat. Aus jedem Tod sprießt neues Leben.

Ich halte das Brummen von Rasenmähern und Kettensägen nicht aus, und am allermeisten irritieren mich Laubsauger. Ich glaube, alle Tiere halten das nicht aus und ziehen es vor, sich so weit wie möglich von solchen Gärten zu entfernen. Bald werden wir Gärten und Parks haben, die völlig leblos sind. Und dabei ist das Zusammenrechen von Laub eine angenehme Tätigkeit. Ich bin an der Luft, bewege mich, lausche dem Gezwitscher von Meisen und Drosseln und strenge mich nicht zu sehr an. Ich muss kein Geld fürs Fitnessstudio ausgeben wie meine Nachbarin. Jedes Jahr häufe ich einen großen Laubhaufen in der Ecke des Gartens hinter der Heuscheune an; ich weiß, dass dort Igel leben. Im Frühling konnte ich sogar ein Jungtier entdecken, das noch keine Stacheln hatte.

Tiere sind erstaunlich, sie besitzen einen entwickelten Sinn für Gerechtigkeit. Sie töten niemals aus Ausgelassenheit.

Vielleicht werde ich eines Tages Vegetarierin. Aber zuerst muss ich die Gans zubereiten.

"Ahoj, Mami. Wir haben dir schon ein Rückfahrkarte im Schlafwagen gekauft. Wir erwarten dich morgen. Ich hoffe, du packst schon."

"Ahoj, Katka, super, danke. Ich fange gleich an zu packen. Ich habe keine Ahnung, was ich im Theater anziehen soll…"

"Vielleicht das rote Strickkleid. Darin hast Du eine gute Figur."

"Aha, vielleicht hast du recht. Heutzutage trägt man selbst in Prag keine bodenlangen Kleider mehr im Theater."

„Was bist du denn!“, lacht die Tochter. „Junge Leute gehen in Jeans ins Theater. Aber keine Sorge, Ich ziehe mir was an. Und Mama, bitte bring mir kein Essen, klar?!“

„Ich dachte an Eier...nur zwanzig. Die Hennen legen gut, der November ist ungewöhnlich warm.“

„Oh mein Gott!“, schluchzte Katka auf. „Du wirst doch nicht im Zug Eier schütteln!“

Auch aus der Ferne kann ich spüren, wie sie ihre riesigen braunen Augen verdreht, bis nur noch das Weiße zu sehen ist. Sie atmet tief aus, das höre ich deutlich.

"Okay, okay, ich bringe keine Eier mit", sage ich schnell.

Ich fange mit dem Packen erst an, sobald ich die Gans gebraten habe. Ich habe die Knödel im Voraus in eine Plastikschachtel für Lebensmittel gesteckt. Ich nehme einen Rucksack und eine kleine Handtasche mit. Ich hänge mir die Tasche beim Reisen um den Hals. Ich denke, das kriege ich irgendwie hin. Ich lege den Boden meines Rucksacks mit zerknittertem Werbematerial aus. Ich wickle die Kasserolle mit dem Kohl in ein Handtuch und stecke sie in ein Plastiksackerl und verknote die Henkel. Ich schiebe sie in meinen Rucksack. Ich lege die rosa gebackenen Gänsefleischstücke in eine andere Plastikdose. Ich fülle den Bratensaft in ein Marmeladenglas und verschließe es fest. Das wird ein bisschen riskant, aber ich hoffe, dass der Bratensaft bald abkühlt und erstarrt. Sicherheitshalber wickle ich das Glas zusätzlich in ein Handtuch und dann in zwei dünne Plastiksackerl. So sollte nicht passieren. Ich habe alles in meinen Rucksack gepackt. Ich zerreiße noch ein bisschen Werbematerial für oben drauf. Zu guter Letzt packe ich noch ein Set mit den wichtigsten Kosmetikartikeln und mein Lieblingskleid in Rot ein, das den Vorteil hat, nicht zu knittern. Ups, die Pumps, die hätte ich fast vergessen. Ich kann doch nicht in ausgelatschten schwarzen Filzpatschen  ins Theater gehen.

So, fertigt. Dokumente, Brille, Geldbörsel.

Ich versuche, den Rucksack hochgeht ganz gut.

Ich habe noch genug Zeit. Ich schlafe zwei Stunden. In der Früh trinke ich einen kleinen Espresso und nehme den Bus.

Der Zug steht schon auf Bahnsteig zwei.. Wir haben noch sieben Minuten bis zur Abfahrt. Ganz entspannt und ohne Hektik finde ich meinen Waggon und mein Abteil. Es ist fast leer. Ein Herr in meinem Alter liest Zeitung.

"Grüß Gott", grüße ich ihn.

„Grüß Gott“, er hebt den Kopf, sieht mich zerstreut an und bemerkt den massigen Rucksack. Kann ich Ihnen behilflich sein, Ihr Gepäck hinauf zu geben?

„Dankeschön“, sage ich und schüttle den Kopf. „Wissen Sie, mein Rucksack darf nicht waagerecht liegen. Ich muss ihn bei meinen Füßen lassen.“

"Gehen Sie irgendwohin in die Berge? Zum Wandern?"

„Nein. Ich fahre nach Prag. Meine Tochter hat mich ins Theater eingeladen.“

Der Herr zieht die Augenbrauen hoch, seine Brille hüpft auf seiner Nase. Er schaut auf meine schwarzen Patschen.

„Das ist sehr nett von ihr.“

„Ja. Ich freue mich schon sehr darauf. Es soll eine Komödie sein und wird komplett von einem Schauspieler gespielt. Caveman, so heißt das Stück. Es geht um einen Höhlenmenschen oder so ähnlich.“

Der Mann sagt eine Weile nichts, wahrscheinlich hat er noch nie von diesem Schauspiel gehört. Er starrt konzentriert auf seine Zeitung und schüttelt mehrmals empört den Kopf.

"Ich glaube, ich träume...?"

Ich frage nach nichts. Ich kann mir vorstellen, was die Zeitungen wieder schreiben. Schon lange habe ich aufgehört, sie zu kaufen. Ich schaue nicht einmal die Nachrichten im Fernsehen. Ich werde die wichtigen Dinge so oder so erfahren. Die Zeitung versucht lediglich, mich von meinen normalen täglichen Pflichten abzulenken. Im Handumdrehen  richten sie im Geist Chaos an und säen Angst, Furcht und das Gefühl, dass die schlimmstmögliche Art des Lebens die Menschheit sei. Ich weiß, dass ich zum Beispiel vergesse, Vitamine für die Kaninchen zu kaufen, wenn ich mich über etwas richtig aufrege. Ich schneide keine Brennnesseln für meine Hennen. Oder ich vergesse, die Tür des Gewächshauses im heißen Sommer zu  öffnen.

Ich sage nichts, ich schaue lieber aus dem Fenster. Der Zug schneidet die graue Landschaft in zwei Hälften, auf der einen, die ich sehe, fließt ein Fluss. Die Straße kopiert ihn, die Autos sausen darauf entlang, sie sehen aus wie Kinderspielzeug. Hinter dem Fluss erheben sich bewaldete Hügel, die nicht hoch sind. Als Kinder zählten meine Schwester und ich immer, wie viele Autos wir sahen, bevor wir aus dem Zug stiegen. Jeder von uns hatte seine eigene Farbe, ich habe immer rote gezählt. Selbst jetzt noch blitzte etwas hinter dem Glas auf. Ich glaube, es wird mehr Weiße geben. Das monotone Rattern des Zuges auf den Gleisen wiegt mich in den Schlaf...

„Ingrid Sidorová, ich habe eine Reservierung für heute“, sage ich und überreiche der Rezeptionistin meinen Personalausweis. Die Rezeptionistin hat eine Visitenkarte mit ihrem Namen auf der Brust. Ich stelle fest, dass Frau Kudláčková eine hübsche junge Dame mit markanten, sorgfältig gepflegten Augenbrauen ist. Die junge Dame neben ihr, die genau die gleichen Augenbrauen hat, studiert konzentriert etwas auf dem Computer.

Wir erledigen sehr schnell die Formalitäten, ich bezahle, Frau Kudláčková händigt mir den Schlüssel aus.

„Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Aufenthalt“, lächelt sie aufmunternd.

„Danke“, sage ich höflich, werfe mir meinen Rucksack über die Schulter und gehe zum Aufzug

„Hast du das gesehen? Ich dachte schon, da käme ein bunter Pinsel, und bisher sieht die Dame aus wie eine ganz normale Dorfgans…“, höre ich, als ich um die Ecke verschwinde.. Und dann Gelächter.

Sie sind noch jung, ich verzeihe es ihnen.

„Ich bin schon in Prag. Ihr müsst nicht zum Bahnhof kommen. Ich habe ein Taxi genommen. Wir können uns in einer Stunde treffen, wenn euch das passt.“

"Fiha, du bist ja voll aktiv! Aber wo bist du eigentlich?"

„Kommt ins Hotel Orfeus . Es liegt im Zentrum. Am Žižkovplatz.“

"Warum denn? Mami?? Du lädst uns zum Mittagessen ins Hotel ein?? Weißt du überhaupt, wie viel das kosten wird?!"

"Na und? Ich habe gespart. Ich werde nur einmal im Leben fünfundsechzig. Das ist es wert! Ich erwarte euch in einer Stunde."

Ich schaue mich im Zimmer um. Es ist nicht groß, aber es gibt eine Küchenzeile mit Herd, einem runden Tisch und zwei Sesseln. Ich entdecke einen Hocker im Flur. Ausgezeichnet. Wir drei können hier bequem sitzen. Ich decke den Tisch. Ich habe auch ein paar Servietten von zu Hause mitgenommen. Ich packe nach und nach aus. Ich wärme den Kohl auf.

Ich werde vom Telefon gestört. Es ist Katka.

"Mami, wir sind im Restaurant des Hotels Orfeus, wir sehen dich hier nicht."

„Kommt hinauf. Zweiter Stock, Zimmernummer 212.“

"Warum denn? Du hast doch gesagt, du könntest nicht!"

„Wer spricht hier von übernachten?“ sage ich ruhig.

Gleich werden sie an die Tür klopfen.

espať!“

Wir begrüßen uns im Flur. Dann lasse ich sie vorsichtig herein.

"Um Gottes Willen, Mami!" Katka greift sich mit beiden Händen den Kopf, ihre Augen weiten sich beim Anblick des schön gedeckten Tisches, wo ein Kartoffelknödel, in ordentliche runde Stückchen geschnitten, in einer Edelstahlschüssel zwischen Stücken gebratener Gans schwimmt. Aus der Kasserolle mit dem Rotkraut dampft es aufmunternd.

"Du hast dich mit einer gebratenen Gans hierher geschleppt?!"

„Warum brüllst du denn so? Schau dir doch Janko an, wie seine Augen leuchten…“

Katka wird still. Jankos Lächeln lässt den Raum aufleuchten.

„Und überhaupt“, sage ich. „Ich habe auf dich gehört. Ich habe keine Eier mitgebracht. Nicht ein einziges.“

Beide brachen in ein Gelächter aus, das nicht aufhören wollte..

Übersetzung©Stephan-Immanuel Teichgräber

 

 

Author

Katarína Mikolášová

Katarina Mikolášová<

 

Translator

Stephan-Immanuel Teichgräber

Lebenslauf

 
Hus vo velkém meste