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Publisher:
Dokumentationsstelle für ost- und mitteleuropäische Literatur
ISBN:
ISSN:
Publication Date:
30. Juli 2026
Edition:
In stock:
YES
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Country: Austria
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Alexandra Salmela
17 NINA
(Möwe)
Der ursprüngliche Plan war, nur ein bisschen Zeit totzuschlagen, doch am Ende war es ein bisschen zu viel. Nina schleppte ihr Familieneinheit, die in Gestalt eines zusammengestellten Vaus ihr nachstolperte zum Haustor. Sie war wie das Zugtier einer Herde, die Kinder trippelten ihr auf den Fersen. Sie hasteten. [Ursprünglich wollten sie sich nur die Zeit vertreiben, doch am Ende hatten sie etwas zu viel Zeit verloren. Nina schleppte ihre Familie, die in V-Formation hinter ihr her stolperte, zum Gartentor. Sie war die Anführerin der Gruppe, die Kinder klammerten sich an sie. Sie hatten es eilig.]
Doch.
Mitten auf der Straße vor dem Haus saß eine Möwe.
Die Autos konnten sie weder links noch rechts umfahren. Der Verkehr stand still. Die Autos hupten. Die Möwe bewegte sich nicht einmal.
Die hat sich einen hervorragenden Platz zum Nisten ausgesucht, lachte Nina und ging weiter. Sie hatte es wirklich eilig und Möwen gab es überall sehr viel, sie kreischten und attackierten, toxische Vögel, besonders zur Zeit des Nestbauens.
Plötzlich kippte die Möwe um und kullerte die Straße herunter. Das kleinere Kind starrten sie an. Das größere verschwand im Haus und Nina hätte das auch gerne gemacht. Sie zog das kleinere Kind an der Hand, keine Reaktion. Das Kind stand bewegungslos wie versteinert.
Auch die Möwe hörte auf zu kullern. Sie blieb in einer Vertiefung, wo die Straße etwas breiter war, liegen, sodass der Verkehr endlich wieder in Fluss kam und die Möwe auf beiden Seiten umströmte wie Flusswasser einen Felsbrocken. Nur der Fahrer des ersten Wagens parkte weiter unten auf dem Bürgersteig und schaltete das Warnblinklicht ein. Er war noch jung und musste dem zugrunde gerichteten Vogel zu lange in die Augen schauen; er konnte ihn nicht leiden lassen. Doch er wagte es nicht, ihn zu berühren. Vögel sind unrein und verbreiten alle möglichen Krankheiten. Und jetzt wo, aber... Außerdem, was kann man überhaupt mit einem verletzten Vogel machen?
Totschlagen, sagte ein zufällig Vorbeigehender, ein richtiger Teite. Wenn er etwas bei der Hand hätte, mit dem er den Vogel schlagen könnte, würde er ihm den Schädel einschlagen und Schluss mit der Vorstellung. Irgendeinen Hebebaum oder eine Brechstange. Der Fahrer hatte sie nicht.. Die Möwe war still in der Grube auf der Straße und schlug mit dem Flügel, der andere war in unnatürlicher Stellung verdreht und zeigte zum Himmel. Der Riese zwang den jungen Fahrer, den Kofferraum zu öffnen und verlangte die Mordwaffe. Nina näherte sich ihnen diskret. Der junge Mann murmelte etwas von der Freiheit und der Hotline gegen Tierquälerei und zog sein Handy heraus. Nine fiel ein Stein vom Herzen, der junge Mann wird die Verantwortung übernehmen. Sie werden das Problem lösen. Alles geht in Ordnung und sie kann mit dem Kind nach Hause gehen. Was könnte sie hier auch dazu beitragen?
Das Kind stand wie festgenagelt. Die Möwe dagegen rappelte sich auf, torkelte zurück mitten auf die Fahrbahn, w osie die Störung des fließenden Verkehrs fortsetzte. Ein Geländewagen raste den Hügel hinunter.
Das Kind unterdrückte einen Schrei..
Der Geländewagen bremste scharf. Ein lachender Mann stieg heraus, spuckte auf Schmutz und Viren und nahm den Vogel in die Arme. Das Kind atmete erleichtert auf. Nina dankte den höheren Mächten. Endlich jemand, der die Situation tatsächlich in die Hand nimmt, und das mit so viel Feingefühl! Nina muss gar nichts tun, nicht einmal an Gewissensbissen leiden. Der junge Fahrer war unterdessen verduftet. Der lachende Mann verschwand mit der Möwe um die Ecke. Das Kind begann herzzerreißend zu weinen. Der Mann kam ohne die Möwe hinter der Ecke zurück, sein Grinsen war noch breiter als zuvor. Nina zerrte das schluchzende Kind zum Fahrstuhl; in Ausnahmefällen sollte man nicht die Treppe hochgehen, und außerdem hatten sie es eilig; die Kinder mussten vorher noch gefüttert werden---.Nina sollte sie jetzt wahrscheinlich trösten, für sie da sein, ihnen zuzwitschern, ihnen die Situation erklären und ihnen beistehen und so weiter und so fort, aber stattdessen huschte sie in die Küche und vergaß sekundenschnell die ganze Möwe. Das Kind flogdurch die Wohnung und heukte. Die Tür knallte zu, und das Kind rannte mit Besen und Kehrschaufel in der Hand die Treppe hinunter.
Die Last der moralischen Verantwortung lastete wie ein Amboss auf Ninas Schultern.
Nina schnappte sich die Zeitung. „Ein schöner Gedanke, Liebling“, keuchte sie dem Kind hinterher, „die arme Möwe verdient ein würdevolles Begräbnis, ich bin nur kurz Papier holen gegangen, ich glaube, im Schuppen bei den Mülltonnen liegt eine Schaufel... Aber das Kind wollte sich die Lügen nicht anhören, und Nina fragte sich, warum dieser dumme Vogel uns ausgerechnet jetzt eine solche moralische Last aufbürden musste.
Die Möwe lag regungslos auf dem Bürgersteig vor dem Haus.
Das hysterisch heulende Kind näherte sich ihr mit einem ausgestreckten Besenstiel. Die umliegenden Fenster waren voller Gesichter, guter Ratschläge und Klatsch. Nina breitete die Zeitung aus.. Das Kind schwang den Besen. Die Möwe wandte sich. Sie kam zu sich.
Sie lebte.
Rs war kein guter Einfall, sie am Leben zu erhalten.
Die Möwe dachte nicht rational.
Sie schlug um sich, rollte die Stufen und den Bürgersteig hinunter zurück auf die Straße, rappelte sich wieder auf, versuchte, dem Schmerz und dem Kind zu entkommen, geriet in Panik, den Flügel ausgestreckt, unfähig, das Gleichgewicht wiederzuerlangen. Was für eine Show, eine ganze Menschenmenge hat sich auf der Straße versammelt, will Nina denn mit dem Kind als Assistent eine Möwe mit einer Zeitung umbringen? Nina schenkte dem Publikum ein strahlendes Lächeln und rief die Anti-Tierquälerei-Hotline der Stadt an, aber an diesem Tag war sie bereits nicht mehr besetzt, die Bürozeiten passten sich nicht einem drohenden Todesfall an. Zumindest war die Notrufnummer rund um die Uhr erreichbar, das Anrufmuster war bekannt, Nina stellte sich vor. Ja, eine verletzte Möwe. Eine Polizeistreife? Okey, wir warten. Und so warteten sie, Nina und das Kind. Sie beobachteten die taumelnde Möwe, saßen auf dem Bordstein und schwiegen. Die Notfallzentrale rief an: Ist die Möwe noch da? Hej, ja. Die Polizeistreife hat angerufen: Sind Sie noch da? Es dauert noch etwas. Nina sah das Kind fragend an. Es nickte entschlossen, obwohl es vor Kälte ganz blau war. Auch Nina war durchgefroren. „Na gut, wir warten.“
Und so warteten sie weiter. Dem Kind rannen die Tränen herunter. Auch Nina weinte, allerdings aus ganz anderen Gründen. Das Kind besaß eine moralische Integrität, die in ihr gleichermaßen Stolz und Neid hervorrief. Ninas Kind hatte ein großes Herz voller Empathie, was unweigerlich zu Konflikten mit der Welt führen wird. Neben ihrem eigenen Kind fühlte sich Nina wie ein viel schlechterer Mensch, als sie tatsächlich war.
Sie zitterte vor Kälte und die Blase drückte, außerdem wusste sie nicht, wie sie mit dem Kind reden sollte, das völlig außer Rand und Band und gleichzeitig irritierend ruhig war – wo zum Teufel steckten die Kieberer? Die schließlich eintreffenden Uniformen konnten sich gegenüber dem durchgedrehten Vogel nicht vernünftig verhalten, sie gestikulierten nur hilflos, als wollten sie sagen: „Aber was kann ich tun, kleines Mädchen, ich kann nichts dagegen tun“, genau wie Tschechows Doktor Dorn, genau wie Nina selbst im Laufe der Zeit zu sagen lernte, und sie erklärten, dass sie keinen Vogel im Auto mitnehmen könnten, sie hätten nicht den notwendigen und gesetzlich vorgeschriebenen Behälter für den Transport von Tieren, schau es dir doch selbst an, außerdem ist es ein Sedan. Doch die Polizei schützt und hilft, also rief die erste Streife eine weitere zum Einsatzort und bezog in der Wärme des Sedans Stellung, um die verwirrt umherirrende Möwe zu beobachten, und Nina und das Kind konnten sich in die Wärme ihres Zuhauses zurückziehen. Wir können wirklich nichts mehr tun, wir haben alles versucht, jetzt kümmert sich die Polizei um die Möwe, von nun an werden sie sich um sie kümmern, das sind gute Polizisten, sie werden sie zum Tierarzt bringen, ganz bestimmt, murmelte Nina auf der Fahrt im Aufzug nach oben und fragte sich, welches Schicksal die Möwe wohl wirklich erwartet, sicher werden sie sie nicht in einem heulenden Krankenwagen in den Operationssaal bringen. „Weine nicht, Liebling, oder besser gesagt, weine doch, ich mache dir Kakao“, sagte Nina.
Eine weitere Streife traf mit einem Lieferwagen ein. Das bekannte, ratlose Pärchen in blauen Overalls schob sich langsam aus der Limousine. Die Streifen trafen sich auf halber Strecke. Die Möwe, dieses jämmerliche Symbol der Freiheit, defilierte mit erhobenem Flügel um sie herum, als wolle sie den Diktator grüßen. Die Polizisten analysierten die Situation mit ernsten Mienen. In der Ferne krächzte die Nachbarschaftsversammlung auf dem Bürgersteig. Der Kakao war übergekocht, was für ein Gestank! Nina wischte den etwas angebrannten Schaum ab und goss das warme Getränk in Tassen. Inzwischen war die Straße verwaist. Die Kieberer, die Möwe und die Nachbarn waren verschwunden.
Der kleine moralische Imperativ schluchzte leise, zusammengerollt auf dem Sofa, und zeigte keinerlei Anstalten, sich aufzuheitern. Nina hätte am liebsten geschrien, dass es jetzt genug sei, aber sie holte tief Luft.
Sie zählte bis zehn,
unterdrückte die Wut.
18 VESNA 18. Lenz
(Nicht darauf vergessen!)
Seid besser zu Kindern
Weniger anschreien
Inneren Frieden erreichen
Zahnpaste
Gurke
Salat
Zusammenhalten
Di Zahnarzt
Im Gleichgewicht ohne plötzliche Auf- und Abwärtsbewegungen
Klopapier
Runter und rauf
Rauf und runter
Runter und ganz runter
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