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Verlag:
Dokumentationsstelle für ost- und mitteleuropäische Literatur
ISBN:
ISSN:
Publikationsdatum:
4. September 2026
Ausgabe:
Vorrätig:
YES
E-Mail:
Land: Austria
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Hella
Auszug S. 40 – 44
Das Sammeln von Fotografien ist nach Susan Sonntag das Zusammentragen der Welt an sich. Ausgehend von diesen sechs zerknitterten Aufnahmen begann ich vorsichtig, ja geradezu zwanghaft, diese Welt Hellas zusammenzutragen. Aber auch nach vielen Jahren habe ich erst einige Bruchstücke oder Fragmente beisammen, und nicht einmal das – eher nur Krümel, Müll und Staub. Zusammen mit den Amateurfotos aus dem Hausarchiv habe ich das Gefühl, gleichzeitig eine unerreichbare Vergangenheit in Besitz zu nehmen. Sie suspendierten sie nicht nur und sie zeigten mir Hella, wie sie damals und dort war. Gleichzeitig haben sie sie mir vergegenwärtig. Als ob sie in diesem Fauteuil, auf diesem Sessel oder hier am Tisch saß, unmittelbar im Nebenzimmer hinter der angelehnten Tür. Und ich habe jeden Moment damit gerechnet,
dass ein schweres Ausatmen zu hören ist, ein unterdrücktes Husten, dass die Lehne knarrt und die ausgetretenen Patschen schlurfen. Die Tür wird auffliegen.
Im Gegensatz zu den vielen beschriebenen Seiten konnten die Fotos schnell, quasi sofort „gelesen“ werden. Alle konnte ich aus geringer Höhe nebeneinander gelegt mit einem einzigen Blick erfassen. Und dann konnte er natürlich endlos von einem Bild zum anderen gleiten, eindringen und sich entfernen, um etwas Wesentliches in diesem Abdruck, in dieser Totenmaske freizulegen – und das obwohl wir wissen, dass man mit der Fotografie strenggenommen nichts verstehen kann, überhaupt nichts, wie Sontag warnt, dass die Fotografie als solche nichts erklärt, dass sie die erfasste Wirklichkeit nur bestätigt. Doch die Bestätigung war mir in diesem Moment völlig ausreichend. Wenn man Hella auf Fotos aus den 1970er und 1980er Jahren sah, wusste man, dass sie in den 1930er Jahren nicht hingerichtet worden war. Dies mit absoluter Sicherheit zu wissen und triumphierend verkünden zu können: „Nein. Sie wurden nicht beide hingerichtet.“
Auf all den vermachten Bildern war Hella schon um die siebzig. Ihr hellgraues, welliges Haar, das in verschiedenen Jahren unterschiedlich lang war, fiel sanft über ihr faltiges, vom Alter gezeichnetes und scharf geschnittenes Gesicht. Was ist von der Erinnerung von Tamara Petkevičová an sie bei diesem ersten Treffen am brennenden Ofen in der Lagerbaracke im Jahr 1945 geblieben? Von dieser Frau mit den dichten schwarzen Locken, die allein durch ihr markantes Aussehen einer völlig anderen Kultur und Epoche angehörte? Von dieser Frau, deren wundersame schwarze Augen vor Ungezähmtheit brannten? Es waren gerade diese Augen. Schwarze. Wunderbare. Flammende. Auf fünf Fotos. Auf dem sechsten, auf einem Schnappschuss mit der Kinderbuchautorin Nina Gernětová und der Enkelin ihrer Lagerfreundin Natalija Korecová, verbirgt Hella ihre Augen – sie senkt sie müde, traurig und geistesabwesend. Auf fünf Porträts blickt sie jedoch aufmerksam, ja sogar trotzig in die Linse. Ihr durchdringender Blick von den zehn Fotos durchbohrt mich wie zehn Projektile, als ich die Bilder sorgfältig auf dem Tisch um den Computer herum ausbreitete – von links zwei ältere, jedes aus einer anderen Ära, von einem anderen Ort, beide aus den frühen Siebzigern, die drei von rechts sind jünger, von einem einzigen Tag zu Beginn des nächsten Jahrzehnts, das ist Hellas letztes Jahrzehnt. Diese seltsamen schwarzen Augen leuchten immer noch hell auf ihnen. Auf allen. Vielleicht leuchten sie auch mit zunehmendem Alter. Doch es ist nicht mehr die Widerspenstigkeit, die in ihnen brennt, sondern eine Art hartnäckige Frage. Und das verzweifelte Verlangen, eine Antwort darauf zu bekommen. Und der Tadel, dass keine kommen. Und die Angst vor der möglichen Antwort. Und mit jeder Fotografie wurde es größer, als ob es wüchse. Am stärksten wirkt es auf dem Foto mit leicht ausgefranstem Rand, wobei der rechte Abschnitt scheinbar abgerissen ist. Mit dem Lineal markiert und abgerissen. Wie groß war sie vielleicht? Was war auf ihr? Wegen der maximalen Konzentration des Grauens erkläre ich diese Fotografie absichtlich zur letzten – echten Um den Horror maximal zu konzentrieren, erkläre ich diese Fotografie absichtlich zur letzten – die tatsächliche Reihenfolge der Fotos, ihre genaue Datierung werde ich wohl nie erfahren, denn nicht einmal diejenigen, die sie gemacht haben, wissen das. Hella sitzt hier seitlich am Schreibtisch. Hella sitzt hier seitlich am Schreibtisch. Sie stützt sich mit der rechten Hand auf ihn. Ihre linke Hand, knochig und geädert, mit leicht gekrümmten Fingern, ruht angespannt in ihrem Schoß. Auf dem Tisch vor ihr liegt ein liniertes Schulheft. Die erste Seite ist aufgeschlagen. Die Seite ist überschrieben. Irgendetwas steht auch auf der ersten Zeile. Auf dem Notizbuch liegt ein gewöhnlicher Bleistift. Das Notizbuch wird von einer Vase mit Dahlien beschattet, die unscharf im Vordergrund steht – der Fokus liegt jedoch auf dem Hintergrund, rechts, auf der kleinen Hella. Sie trägt einen schwarzen aufgeknöpften Pullover und ein dunkles Kleid mit einem kleinen Kragen und einem hellen, abstrakten Muster – dünne Linien darauf kreisen in zahlreichen sich kreuzenden Ovalen, und stellenweise sind zwischen ihnen kleine Flecken verstreut, ähnlich wie Akazienblätter. Diese Feiertagskleider hatte Hella angeblich von ihrer Lagerfreundin geerbt, die 1978 starb. Hella sitzt hier erstarrt, gelind geduckt, in sich zurückgezogen. Sie hält den Atem an, als ginge es um eine Röntgenaufnahme, und nicht um eine gewöhnliche Fotografie, die nur die Oberfläche aufzeichnet. Und es scheint, dass sie der Fotoapparat durch und durch durchleuchtet, dass er den komprimierten Schrecken im Innern – irgendeine Ablagerung, einen Batzen - abfängt. Und in den Augen, in diesen schwarzen bewundernswerten Augen unter der gerunzelten Stirn und den zickzackförmig gehobenen Brauen flammt eine Frage voller Schmerz. Als sei dieses Bild schon lange vorher unbeweglich, bevor es der Fotoapparat fixierte. Die Perfektion der Szene wird vielleicht nur durch Stücke unerschöpflicher Gegenstände gestört – eine Lampe, eine Holzschale, ein geflochtener Korb, ein Häferl, ein Stecker mit zwei Kabeln. Sie sind versehentlich in die Aufnahme gerutscht. Der Fotograf hat nicht daran gedacht, sie zu entfernen. Vielleicht hatte er nicht geahnt, was für eine Szene er einfangen würde. Vielleicht gab es noch viel mehr Verstörendes an dem Foto. Fehlt deshalb ein Teil? Doch diese fremden Fragmente können noch immer nicht von Hellas stummen Schrei ablenken, der in meinen Ohren gellt. Woher kommt er? Welche Wege brachten Hella dazu?
Die Wahrnehmung eines Fotos, dieser „eingefrorenen Zeit“, wird zweifellos von unserem Wissen darüber beeinflusst, was geschah, als die Zeit wieder in Gang kam. Sicher. Als mir später Hellas Porträt aus ihrer Ermittlungsakte in die Hände fällt – ein Sträflingsdoppelporträt einer steifen Frau in einem gestreiften Mantel mit großen Revers [Aufschlägen], einem Profil, das tatsächlich einer mittelalterlichen Münze entsprungen zu sein scheint, und einem direkten Porträt en facé mit erschöpftem, distanziertem Blick – werde ich unwillkürlich in ihren schwarzen, wunderbaren Augen nach einem Vorboten der nahen Zukunft suchen, nach der Ahnung vor der persönlichen Tragödie. Als ich jedoch das schreiende Foto ohne Stimme von Hella mit Dahlien betrachtete, dachte ich nicht darüber nach, was danach kommen würde. Im Gegenteil. Mich beunruhigte die Unkenntnis dessen, was vorangegangen war, was in Hellas durchdringenden schwarzen Augen so grell loderte, dass dies vielleicht diesen verzweifelten, lautlosen Schrei provoziert hatte. Eine Bestätigung genügte mir nicht mehr, ich brauchte auch eine Erklärung. Worte statt Bilder. „Nur was erzählt wird, ermöglicht uns zu verstehen“, behauptet Sontag.
Auszug S. 151 – 156
Ein Quadrat von kaum drei mal drei Metern. Die Decke hat standardmäßig eine Höhe von zweieinhalb. Gegenüber der Tür befindet sich ein fast über die gesamte Wandlänge reichendes Fenster, das den engen Raum angenehm erhellt. Es führt in den offenen Himmel über Baumkronen und zu den Dächern der fernen Wolkenkratzer, die mit jedem Jahr am Horizont dichter werden und mehr und mehr in die Höhe wachsen. Vor nicht allzu langer Zeit erschien auf einem der Fensterflügel so etwas wie eine Glascollage – klares Glas im A4-Format, auf das bunte rechteckige Scherben geklebt waren, die rote, blaue und orangefarbene Reflexe ins Innere warfen. Lenas Werk. Vielleicht aber auch nicht, eher von ihrem Freund Vasilij. Beide waren Künstler. Er stammt aus einer Familie von Monumentalisten. Sie mag Kandinskys Großnichte sein, aber sie ist Autodidaktin und eine Überläuferin aus den Naturwissenschaften. Sie arbeiteten zusammen, jeder an seiner Sache. Einer lernte vom anderen. Sie arbeiteten mit Papier, Holz und weit weniger edlen Materialien, die sie liebevoll „obdachlos“ nannten. Sie schnitten sie aus, rissen sie aus, kneteten sie, bogen sie und brachen sie, hämmerten und klebten sie zusammen.
Auf der Fensterbank unter dem Fenster stapeln sich seit jeher Vasilijs subtilen und zugleich etwas plumpen Skulpturen aus Drähten in bunten Röhren, durch die nicht nur Licht, sondern auch Luft strömt – durchdringende menschliche Körper, Pflanzenbüschel, Kristalle oder vielleicht Korallen auf gehobelten Holzsockeln. Dazwischen steht in einem Topf eine ebenso zarte Blume mit einem dünnen, geknickten Stiel. Sogar ihre fleischigen Blätter und blassrosa Blütenblätter lassen Licht hindurch. Ich habe sie vor einem meiner ersten Besuche im Gewächshaus der Timirjasew-Akademie aufgenommen, an der ich in letzter Zeit jeden Tag vorbeigehe und mich frage, ob ich einen Blick hineinwerfen sollte, um zu sehen, ob sie diese Blume haben, deren Namen ich nicht kenne und die ich mit keiner Wortkombination bei Google finden kann – mir fallen ständig Begonien, Bergenien, Geranien ein. Es war ein kränklicher Setzling, und ich war immer wieder erstaunt, wie er wuchs und durchhielt – gute fünfzehn Jahre lang. Und vielleicht lebt sie noch irgendwo – auf der Fensterbank der hinterbliebenen Verwandten, die Lenas Kunst mit quälendem Mitgefühl betrachteten.
Rechts vom Fenster steht ein Gasherd. Sie kochen darauf, doch nutzen sie ihn auch zum Heizen – bevor im Herbst die Zentralheizung anspringt oder wenn sie im Frühjahr vorzeitig abgeschaltet wird. Der Ofenröhre ist voller Pfannen und Deckel. Sie werden auf dem Seitenschrank gestapelt, wenn im Ofen etwas gebacken wird – eine rechteckige Antonowka-Torte, Haferkekse oder Fisch – und mit einem lauten Klirren fällt unweigerlich eine Pfanne oder ein Deckel auf den Boden, der mit dunklem Linoleum ausgelegt ist, auf dem keine Spuren zu sehen sind. Die Küchenschränke sind original, weiß, mit dünnen Metallgriffen – identisch wie in allen Wohnungen zu dieser Zeit. Lediglich das Emaille-Spülbecken in der rechten Ecke wurde bereits durch ein Edelstahl-Spülbecken ersetzt. Darüber hängt ein zweistöckiges Abtropfgestell aus Metall, von dem nie die Stapel gespülten Geschirrs abgeräumt werden. Bei Bedarf werden zerbrechliche dunkelblaue Tassen mit Goldmuster und der dreistelligen Marke der Leningrader Porzellanfabrik unter zentralasiatischen Schüsseln und silbernen Löffeln unter ramponierten flachen Untertassen hervorgeholt.
An der Seitenwand in der die Tür vom Flur ist, steht eine schmale Waschmaschine eingeklemmt, auf der ein Stapel Verzeichnisse liegt, ein längst veraltetes Telefonbuch und eine verblichene Plastikbox – ein wundersamer Wasserfilter, deren durchsichtiger Schlauch winzige Tropfen durch ein Rohr in ein Fünf-Liter-Einmachglas aus bläulichem Glas lässt, das auf einem Stöckel etwas tiefer steht. Über der Waschmaschine hängt ein Telefon mit einer langen gedrehten Schnur. Es klingelt oft. Freundinnen rufen an, und zu seinen Lebzeiten rief Vasilij jeden Tag zur gewohnten Zeit an – unter dem Vorwand, dass sie sich gegenseitig an die Einnahme ihrer Medikamente zu erinnern. Lena litt seit ihrer Kindheit an einer Herzerkrankung. Wassili litt im Alter an der Alzheimer-Krankheit. Sie besprachen am Telefon ihre neuesten Arbeiten, Ideen für neue Arbeiten und Ergänzungen zur Flotte Peters des Großen, die Vasilij sein Leben lang im Miniaturformat gebaut hatte. Ich kann mich um Gottes Willen nicht daran erinnern, ob sich in der Küche, die ich versuche, möglichst detailliert zu rekonstruieren, auch eines dieser Schiffe mit all seiner Takelage und den winzigen Kanonen befunden hat. Ich habe das Gefühl, dass dies der Fall ist. Aber wo? Vielleicht unter der Decke, auf den Oberschränken der Küche, wo getrocknete Disteln und Schilf in Keramikvasen stehen. Oder auf einem Regal an der gegenüberliegenden Wand? Unter den traditionellen nordrussischen bemalten Tonfiguren – solche, wie sie Walter Benjamin bei seinem Besuch in Moskau eifrig gekauft hatte und darüber verzweifelt war, dass die Nachfrage danach in den Städten in letzter Zeit zurückgegangen war? Über dem Telefon verläuft an der Wand ein Brett mit vielen Haken, an dem allerlei Küchenutensilien hängen. Irgendwann begann sich an seinem oberen Rand eine Sammlung von Streichholzschachteln mit sympathisch unperfekten, groben und zerflossenen Aufdrucken anzusammeln, die thematisch denen auf Hellas Briefumschlägen entsprachen. Der Kleiderständer wurde von Vasilij angefertigt – ebenso wie alle Bretter in den unterschiedlichsten Formen und Größen, die über ihm an der Wand zwischen den seltsamen Holzlöffeln und Kämmen hängen, deren genaue Namen und Zweck ich nicht kenne und nie erfahren werde. Und noch immer hängen bemalte und geschnitzte Spinnrocken dort. Lena sammelte sie, als sie in den 1960er Jahren Expeditionen in die Dörfer des russischen Nordens unternahm. Es war damals in Mode. Die Dörfer starben aus und die Jugend lechzte nach romantischen Abenteuern war und sammelte die nicht mehr gebrauchten Überreste ein. Einige haben heute einen riesigen Preis.
Spinnrocken sind auch unter dem Plafond der letzten Wand der kleinen Küche aufgehängt, links neben der Tür. Auf dem Regal darunter liegen die nordrussischen Spielsachen und allerlei andere Nippes, und dazwischen liegen Zettel mit Notizen darüber, wen man anrufen und was man kaufen soll. Und genau an dieser Wand steht die kurze Seite des rechteckigen Esstisches. Auf dem Tisch liegt eine Plastiktischdecke und ein kleiner Salzstreuer aus Metall in Form eines verzierten Truherls auf dünnen Beinchen und ein Miniatur-Elfenbeinlöffel darin. Damit man beim Arbeiten nicht darüber stolpert, sind zwei Hocker unter dem Tisch verstaut – es reicht, dass man über den Tisch stolpert und seitlich gegen die Waschmaschine stößt. Für die dritte Person im Zimmer muss ein massiver Stuhl aus dem Nebenzimmer geholt werden – der Gast sitzt dann darauf quasi im Türrahmen. Ich saß immer gegenüber, auf dem Stockerl in einem kleinen Spalt zwischen Tisch und Kühlschrank, der meine linke Rückenhälfte wärmte.
Auf dem Kühlschrank steht ein kleines Kofferradio, auf dem "Radio Free Europe" eingestellt ist und daneben liegt seit einiger Zeit ein quadratisches Brett, etwa zehn mal zehn Zentimeter groß, mit einer runden Vertiefung voller Kieselsteine, abgeschliffene Gläser und Muscheln. „Meine Krim“, nannte Lena es, die Chruschtschow schon lange übelnahm, dass er der Ukraine Anfang 1954 die Halbinsel Krim geschenkt hatte. Sie war einst wie die meisten Sowjetbürger in den einzig wahren Süden gereist und erzählte mir nun verträumt von tagelangen Wanderungen entlang der hohen Felsküste mit einer Staffelei auf dem Rücken, vom Schwimmen in abgelegenen Buchten mit nicht-russischen Namen, wohin man nur schwimmen konnte, und zeigte mir dabei ihre frühen, in grellen Farben gemalten Aquarelle dieser Märchenlandschaft.
In den ersten Tagen nach der Annexion der Krim schien es, als könnte ich nie wieder mit Lena sprechen. Ich verstand nicht, wie sie, die nie die geringsten Illusionen über die sowjetische oder die gegenwärtige Macht hatte, eine solche Willkür gutheißen oder sich sogar darüber freuen konnte. Bei diesem leidenschaftlichen Streit in der Küche, bei dem wie durch ein Wunder weder Geschirr noch Messer durch die Luft flogen, hatten sachliche Argumente keine Chance. Und genau darauf setzte das Regime, als es die Kontrolle über die Halbinsel übernahm – es zielte nicht auf die Vernunft, sondern auf die Emotionen – es weckte irrationale Gefühle in den Menschen und versprach, ihre verschütteten Erinnerungen wieder zum Leben zu erwecken. Und fast jeder hatte sie – wenn nicht selbst, dann vermittelt. Schließlich „kannte“ ich die Krim schon lange bevor ich 2012 mit eigenen Füßen betrat. Und ich war von der Realität ein wenig enttäuscht. Es unterschied sich nicht grundsätzlich vom Rest dieses ehemaligen Sechstels der Welt – allerdings waren sämtliche äußeren Unterschiede über Jahrzehnte hinweg bewusst und oft mit Gewalt ausgelöscht worden –, es machte keinen Unterschied aus, ob man auf dem Hauptplatz in Sewastopol oder Tscheljabinsk stand. Selbst zwanzig Jahre Unabhängigkeit reichten nicht aus, um Neues zu schaffen – der Markt unterdrückte es, und so wurden auf den südlichen Märkten eines unabhängigen Staates im Ausland dieselben zentralasiatischen Früchte verkauft wie in Moskau, und man konnte dort nur in kaukasischen Restaurants sitzen. Nur die Zahlen auf den beleuchteten Schildern der Wechselstuben, die alle paar hundert Meter auf die Straße ragten, unterschieden sich von denen in Moskau – sie zeigten den Preis von Euro und Dollar in Griwna an.
Aber ich entferne mich weit von Lenas Küche. Und dennoch reden wir immer noch über sie. Als Zeichen des Friedens erschien darin ein Brett mit einem Haufen Krimkiesel. Es lag demonstrativ in der Mitte des Esstisches. Das sei die einzige Krim, die man wirklich für sich beanspruchen könne, erzählte mir Lena. Eine kleine Vertiefung voller Gefühle und privater Erinnerungen. Ich habe auch eins von ihr bekommen. Es wurde einst von Vasilij gemacht – er war zu diesem Zeitpunkt bereits seit mehreren Jahren tot. Ich habe Steine, Muscheln und Glas von der Krim, aus Cattaro, aus Ventspils und von den Solowezki-Inseln darin, sowie einen Feuerstein, den mir mein zukünftiger Ehemann vor vielen Jahren bei meiner ersten Russlandreise geschenkt hat.
Alena Machoninová
Hella
Auszug S. 227 –
Wenn ich kreuz und quer über die Große Solovecki-Insel laufe, weiß ich mit Sicherheit, dass es hier in den 1920er und 1930er Jahren überall ein Lager gab – SLON, wie die russische Abkürzung lautet, das Solovecki-Sonderzwecklager. Es befand sich in einem aufgelassenen Kloster, das selbst hinter seinen massiven Steinmauern, in ehemaligen Einsiedeleien tief im Landesinneren, in Wäldern und Sümpfen und auf angrenzenden Inseln lange Zeit ein Ort unfreiwilliger Isolation gewesen war. Und doch liegt der Ursprung der Beklommenheit, die ich manchmal auf kilometerlangen Spaziergängen empfinde, kaum an den Orten selbst. Sie sind so schön, dass es einem den Atem verschlägt. Nördliche Weiten. Mit einem endlosen Horizont, wo der Himmel mit dem ruhigen Meer verschwimmt. Je nach Entfernung zur Küste und den Himmelsrichtungen verändert sich die Landschaft sanft. In der Mitte befindet sich ein undurchdringlicher Mischwald, durchsetzt mit dunklen Seen und Sümpfen, der zu den Rändern hin austrocknet und fester wird, mit einem immer steinigeren Boden. Es wachsen in ihm schlanke Kiefern mit leuchtend orangefarbenen kahlen Stämmen, und von Zeit zu Zeit lege ich den Kopf in den Nacken und sehe in ihren spärlichen Kronen „schmelzende Wolken“ – wie in Erik Bulatovs gleichnamigem Gemälde, wo die Baumkronen perspektivisch auf das Zentrum einer leuchtend blauen Fläche zulaufen, die mit den zerfetzten Wolken unerwartet in immense Tiefen abstürzt. Und ich wiederhole mir dabei ein langes Gedicht, wenn es auch wenige Worte hat, von Vsevolod Nekrasov, das in der tschechischen Übersetzung sehr holprig ist und von der nur vier Verse verwendbar sind:
Föhre
Föhre
und jetzt ist alles
deutlich
Doch dann lässt die Vegetation jäh nach und die Föhren und mit ihnen die Espen und Birken reichen mir kaum noch bis zu den Schultern, Knien, Knöcheln... während die Steine hingegen immer größer werden. Riesige Wackelsteine aus rosa karelischem Granit säumen die gesamte Insel. Und aus ihnen werden die Solovecki-Steine ausgewählt, die mit Großbuchstaben geschrieben sind, die die Spur bewahren, die das Gedächtnis erhalten (auf Russisch wird beides mit einem Wort gesagt – память (pamjať), als ob die Erinnerung bereits Respekt enthielte). Der allererste Solovecki-Stein wurde im Juni 1989 auf der Insel selbst aufgestellt, im Dorf, etwas hinter dem Krankenhaus, etwas abseits vom Trubel. Er war den dortigen Gefangenen gewidmet. Erst mit dem zweiten, im Oktober des folgenden Jahres enthüllten Moskauer Stein wurde das Denkmal auf weitere Opfer sowjetischer Repressionen ausgeweitet. Und auch dieser Stein steht irgendwie losgelöst, abseits vom Zentrum des abfallenden Platzes, dominiert von einem monströsen Geheimdienstgebäude, das mit wechselnden Abkürzungen gekennzeichnet ist. In Russland gibt es noch mehrere Solovecki-Steine – in Archangelsk, in St. Petersburg, in Kirov und Borovsk. Sie sind auch in den Fundamenten einiger anderer Monumente platziert. Sie alle sind Steine mit einem eingepflanzten Gedächtnis, das gewissenhaft durch Rituale bewahrt wird. Doch was ist mit denen an der Küste des Weißen Meeres, wo ich mich trotz der beruhigenden Weite des Raumes manchmal noch immer überwältigt fühle? Wie ist ihr Gedächtnis?
Wenn ich kreuz und quer über die Große Solovecki-Insel laufe, weiß ich mit Sicherheit, dass es hier in den 1920er und 1930er Jahren überall ein Lager gab. Ich habe es auf Schwarzweißfotos aus der Zeit und in einer Propagandadokumentation aus dem Jahr 1928 gesehen. Ich habe die „Topographie des Solowezki-Lagers“ des dortigen Gefangenen Dmitri Lichatschow sowie viele andere Erinnerungen von Männern und Frauen studiert. Und ich kann nicht anders, als diese alten Bilder und uralten Zeugnisse – wie Beschriftungen – an den Orten anzubringen, an denen ich Tag für Tag nach den Strahlen, die aus der Gemeinde führe, entlang gehe. Und so, als ich mich in den Norden der Insel begebe, zum Axtberg (Секирная гора(, der mit Massengräbern hingerichteter oder gefolterter Gefangener übersät ist, kommt mir eine dunkle, aber dennoch deutliche Szene in den Sinn: eine gefrorene Masse von Leichen, die wie auf einem Scheiterhaufen übereinander liegen. Nein, sie sind noch nicht tot, sie wärmen sich auf dem Boden, bedeckt mit allerlei Oberbekleidung, in einer eisigen Besserungsanstalt für Verstöße gegen das Gefängnisregime, in einem Kirchenleuchtturm mit tschechischer Linse im Turm, in den ich noch heute durch das in der Tür erhaltene Gefängnis-Guckloch hineinschauen kann. Und ich kann mich nicht erinnern, woher ich diese schreckliche Szene habe. Es verfolgt mich noch eine ganze Weile, wird aber auf dem Weg die steile, enge Treppe mit etwa dreihundert Stufen hinunter durch ein anderes ersetzt – einen ausgestreckten Körper, der mit den Händen an einen Baumstamm gefesselt über mir fliegt. Ja, der Solovecki-Häftling Michail Rosanow bezweifelt diese Foltermethode als nicht besonders passend, denn jemand müsste den Block wieder hochziehen. Selbst als ich tiefer in das Innere der Insel vordringe, zur Einsiedelei des Heiligen Savvatius, kann ich die seltsamen Erinnerungen nicht abschütteln. Vertreter der linken Opposition – Menschewiki, Sozialrevolutionäre und Anarchisten – wurden hier isoliert und unter besonderen, etwas privilegierten Bedingungen festgehalten. Innerhalb des mit Stacheldraht umzäunten Raums blieben sie die Herren ihres eigenen Lebens – sie hatten Bücher und Messer – und rebellierten im Stillen, als sich die Dinge zu ändern drohten. Am frühen Abend des 19. Dezember 1923 wurden fünf von ihnen bei einem Protestпфтп erschossen, drei wurden schwer verletzt, einer starb an den Folgen. Zwei Frauen und vier Männer. Fünf Sozialrevolutionäre und ein Anarchist. Sechs Särge wurden in einem gemeinsamen Grab hinter dem Zaun beigesetzt – ich habe davon bei Ekaterina Olická gelesen, die auf Solovki ankam, als alles vorbei war, also wurde mir diese Szene doppelt vermittelt.
Was mir aus ihrer Geschichte am meisten im Gedächtnis geblieben ist, ist der Stein – ein Wackelstein mit den Namen der sechs Gefallenen, die auf ihren Gräbern angebracht waren. Ich suche ihn vergeblich rund um die Einsiedelei. Als im Sommer 1925 politische Gefangene von der Insel auf das Festland zurückgebracht wurden, wurde der Stein angeblich umgedreht, damit niemand die Namen sehen konnte. Und dann, so scheint es, verschwand er völlig. Selbst einer speziellen „Steinwender“-Expedition, die Memorial in den 1990er Jahren entsandte, gelang es nicht, ihn zu finden.
Zu dieser Zeit war unter den Vermissten noch ein Stein. Dmitri Lichatschow erwähnt ihn in seinen Memoiren. Bevor er Solovecki verließ, beschloss er, auf der Insel einen unauslöschlichen Eindruck zu hinterlassen. Deshalb ritzten er und sein Mitgefangener, der Anwalt Vladimir Korolenko, ihre Namen mit Hammer und Meißel in einen Granitstein an der Straße nach Velika Muksalma. „Der Ort war hügelig“, schreibt Lichatschow. „Die Hügel waren lang und zwischen den langen Hügeln erstreckte sich ein langer See. Auf der Spitze eines der Hügel lag ein Wackelstein. Ich weiß noch, dass er drei oder vier Meter lang war (das ist eine sehr grobe Schätzung) und uns bis zu den Schultern reichte (das ist genauer). Wir begannen, unsere Nachnamen einzumeißeln. Die Arbeit war hart. Wir waren zweimal dort. Es ist uns gelungen, Korol oben und Lichatsch unten einzumeißeln. Die Buchstaben waren etwa handtellergroß. […] Es tat mir sehr leid, dass wir unsere Nachnamen nicht vollständig einmeißeln konnten, also bat ich Vladimir Julianovič, die Arbeit zu beenden.“ Als die Mitarbeiter des Solovecki-Museums den Stein im Jahr 2004 fanden, waren die Nachnamen vollständig darauf verzeichnet, nur in umgekehrter Reihenfolge. Die unvollendeten [Namen] könnten kriminellen Autoritäten gehören – „König und Hasardeur“ in der Übersetzung. Lichatschow hat in seinen Erinnerungen sicherlich damit gespielt und es möglicherweise sogar erfunden. Auf dem Weg zum Damm, der Mitte des 19. Jahrhunderts von Mönchen aus Granitblöcken zwischen der Großen Solowecki-Insel und der Großen Muksalma errichtet wurde, kann ich „seinen“ Stein nicht finden, auch wenn ich an der mit einem provisorischen Wegweiser in einer Plastikhülle markierten Stelle auf einen ausgetretenen Pfad in einen Föhrenwald abbiege – zwischen geschwärzten, mit Moos und Flechten bedeckten Felsblöcken öffnet sich vor mir das ganze stürmische Meer.
Ich habe eine weitere Route mit Dmitry Lichatschow verbunden, obwohl es darauf keine greifbaren Spuren gibt und sogar die Schwellen der Eisenbahn, die sie etwa auf halber Strecke kreuzt, längst aus dem Boden gerissen wurden – alles, was übrig bleibt, ist eine unnatürlich gerade und schmale Lücke im dichten Wald. Die Route führt entlang der Langen Bucht zur Nordküste, nach Rebolda, von wo einst Gefangene auf die gegenüberliegende Insel Anzer transportiert wurden. Heute trocknen dort wildernde Fischer Schleifen aus rostrotem Seetang an Stacheldrahtleinen. Lichatschow, der über die Natur von Solowecki schrieb, dass sie ihm half, nicht verrückt zu werden, dass sie sich zwischen Himmel und Erde zu erstrecken schien, hatte diese verlassene Straße auf der Ostseite der Insel gern. Er ist die gesamte Strecke – fünfzehn Kilometer hin und fünfzehn Kilometer zurück – nur einmal gelaufen. Ich versuche es jedes Mal – verzaubert vom stählernen Meer am Ende. Und wenn ich zurückkomme, sammle ich Schwammerln, die hier so weit entfernt fast niemand sucht, also nehme ich nur Röhrlinge und Rothäubchen mit, und hier und da stecke ich einen kleinen Stein in meine Tasche – meinen privaten Solowecki-Stein, in den ich die Erinnerung stecken werde – eine fremde Erinnerung, die ich aus Büchern gelesen habe und die mich zu anderen Büchern führen wird. So wie ich sie an alle Stellen der Insel anbringe, wo ich hingehe. Und mit der angeeigneten Erinnerung auch diese Beklemmung.
Übersetzung© Stephan Teichgräber
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