Berliner Zeitung 1997/0219
Der serbische Schriftsteller Vladimir Arsenijevic spricht über seinen Erfolg bei den Studenten und den Aufbruch in Belgrad.
Mit dem Schriftsteller sprach Martina Doering in Belgrad.
Berliner Zeitung: Lieben Sie Belgrad?
Vladimir Arsenijevic: Es ist eine apathische, graue Stadt geworden, gepeinigt von allen Übeln, die Metropolen heute schütteln: Kriminalität, Drogen, Umweltverschmutzung, häßliche Neubauten. Aber hinzu kommt noch diese lähmende Hoffnungslosigkeit nach Krieg, Inflation und Blockade. Manche erinnern sich noch verklärt an das schöne, freundliche, sinnliche Belgrad Ende der Siebziger. Das ist Vergangenheit.
Aber warum fragen Sie das? Sie hätten 1989 in London bleiben können, wo Sie seit 1984 lebten. Sie aber kehrten zurück, als der ganze Schlamassel begann und viele das Land verließen.
Wenn ich in London Nachrichten hörte oder Zeitungen las, kamen mir die Berichte über das auseinanderfallende Jugoslawien vor wie Meldungen von einem anderen Stern. Ich fand das spannend, was da passierte, und fuhr mit meiner Frau, die ich in London kennengelernt hatte, nach Hause. Dann schrieb ich das Buch, das 1994 veröffentlicht wurde.
Dafür erhielten Sie mit 30 Jahren den NIN-Preis, die renommierteste Literaturauszeichnung des Landes. Sie haben sehr großen Erfolg, vor allem bei Studenten. Wie erklären Sie sich das?
Meine Novelle erzählt von einem Paar in der Zeit Ende 1991, als die Kämpfe auf dem Balkan ausbrachen. Ich frage nicht nach Schuld, sondern nur, wie zwei Menschen in dem Chaos, das in diesem Land ausbrach, überleben wollen. Es war das erste Mal, daß jemand dieses Thema aufgegriffen hat, deshalb war das Buch so erfolgreich.
Die jungen Leute sind wohl vor allem von meiner Biographie fasziniert. Wir lebten in der Post-Tito-Ära. Alles lief in eingefahrenen Gleisen. Besonders für junge Leute war es schwer, unabhängig zu werden, sich auszuprobieren. Und plötzlich kam da einer, der war ein miserabler Schüler, spielte in Punk-Bands, hatte Koch gelernt und legte plötzlich ein Buch vor. Damit hatte er auch noch Erfolg und dies genau in dieser Zeit des Umbruchs, wo alle plötzlich über sich und das Leben nachzudenken begannen.
1989 trieb die nationale Hysterie ihrem Gipfel entgegen. Wie wirkte das auf jemanden, der gerade aus London kam?
Ich bin durch die Stadt gegangen wie ein Alien. Überall prangte das Bild von Milosevic, in Taxis, Büros, Bussen. Sein Porträt stand in Schaufenstern von Läden, um die sich Menschenschlangen wickelten, die ihr Geld umsetzen wollten, bevor es die Inflation auffraß. Ich verstand nichts.
Können Sie es heute verstehen?
Diese Spannungen zwischen den Nationalitäten, die im Tito-Jugoslawien zusammenlebten, gab es schon in den vierziger Jahren; der Zweite Weltkrieg verdrängte alles, aber nichts war gelöst. In der Tito-Ära hatte man den Kessel mit einem Deckel verschlossen. Tito starb, die Wirtschaft kollabierte, und plötzlich waren alle Probleme wieder da. Zuerst merkte man das in den Fußballstadien, da tauchten Mitte der achtziger Jahre die ersten nationalistischen Slogans auf. Milosevic war dann der Mann, der diese Hooligan-Parolen in die Politik brachte. Den einen galt er als Bewahrer der kommunistischen Ideologie, die anderen sahen in ihm eine Art Messias, weil er sich als Retter der Serben präsentierte. Damit traf er einen wunden Punkt. Bei allem, was richtig ist über das hegemoniale Streben der Serben in Ex-Jugoslawien, genausowenig kann man leugnen, daß die Serben in einigen Teilen auch unterdrückt und benachteiligt wurden. Auf dieser Basis stellte Milosevic einen breiten Konsens her.
Wo waren in diesem Moment die Intellektuellen, also jene, die in der allgemeinen Hysterie ihren Kopf hätten benutzen müssen?
So allgemein war die Hysterie nicht, denken Sie nur an die vielen jungen Leute, die das Land verließen oder die Mittelstands-Kinder, die sich zurückzogen, Musik hörten und in Ruhe gelassen werden wollten.
Aber es stimmt, es gab in Serbien keine Dissidenten-Szene, keinen Havel oder Kundera oder eine Charta 77. Auch das hat seine Wurzeln in der Entstehung und den Besonderheiten Jugoslawiens. Anders als die Tschechen, hatten wir kein von den Russen übergestülptes System. Zu keinem der beiden Blöcke gehörig, hatten wir immer das Gefühl, etwas Besonderes zu sein. Tito ließ die Intellektuellen auch an einer langen Leine laufen. Die einzigen Dissidenten, die wir hatten, waren Kritiker in der Partei, die dann plötzlich draußen standen, aber loyal blieben. Ein ewiges Rätsel wird mir bleiben, wer oder was hinter diesem Memorandum der Akademie der Künste steckte, das 1985 veröffentlich wurde und in dem erstmals diese provozierenden Fragen nach der Stellung der Serben gestellt wurden. Dieses Pamphlet hat Milosevic dann genutzt.
Beschäftigen sich diese Intellektuellen jetzt mit Fragen nach Schuld oder Verantwortung für Krieg und Nationalismus?
Eigentlich war es mit der Unterstützung für Milosevic schon Anfang der neunziger Jahre vorbei, als sich abzuzeichnen begann, wohin die Reise geht. 1991 und 1992 protestierten erstmals Tausende Belgrader auf der Straße, doch die Revolte wurde niedergewalzt. Davon hat das Ausland herzlich wenig Notiz genommen. Danach verkroch sich jeder wieder, man hatte das Gefühl, ohnehin nichts tun zu können. Jeder wollte nur seine Haut retten.
Es ist aber eben diese Debatte, die der Westen, nach allem was passiert ist, jetzt vermißt.
Sicher sehen die Dinge vom Ausland anders aus, aber so schlicht, wie das häufig im Westen dargestellt wird, ist es bestimmt nicht: Hier die Guten, dort die Bösen, hier die Serben, dort der Rest der Welt. Sicher haben Serben Schuld auf sich geladen, und die müssen auch zur Verantwortung gezogen werden. Aber das ist nur ein geringer Teil der Bevölkerung. Milosevic hatte auch entsprechende Partner. Kroatien zum Beispiel wurde von den Deutschen immer als so demokratisch gesehen, dabei war alles nur Fassade und Tudjman nicht besser als Milosevic.
So scheinen viele zu denken. Erklärt sich daraus die begeisterte Aufnahme von Peter Handke vor einiger Zeit?
Ich muß sagen, daß ich den Aufruhr um diesen Text "Gerechtigkeit für Serbien" nicht verstehe. Aber ich lese ihn natürlich auch anders als ein Deutscher. Handke wurde von den Leuten hier überaus freundlich aufgenommen, weil er einer der ersten Künstler war, der nach der Blockade hierher kam und sich mit ihnen auf diese Weise beschäftigt hatte.
Vermissen Sie die Unterstützung westlicher Intellektueller für die Bürgerbewegung?
Jetzt kommen viele, doch im November, in den ersten vierzehn Tagen nach Beginn der Proteste, hat sich kein Schwein für uns interessiert. Das war schlimm, hatten wir doch erstmals das Gefühl, wirklich etwas zu tun, und niemand hat es registriert. Dabei ist gerade der erste Schritt der schwerste.
Hatten Sie selbst denn eine solch heftige und dann andauernde Reaktion auf die Wahlmanipulation für möglich gehalten?
Als ich das erste Mal zu den Kundgebungen ging, war ich geschockt: Jesus, was ist das? Wie ist das möglich? Ein paar Stimmen waren unterschlagen worden, aber das hatte es schon bei anderen Wahlen gegeben. Die Leute hatten einfach begriffen, daß dieser Mann an der Spitze eigentlich ein ewiger Verlierer ist, der nicht aufgeben und alle mit in den Untergang ziehen will. Immer hat er daneben gehauen. Er hat ein Groß-Serbien versprochen und das Gegenteil erreicht. Das war es auch, was ein Student einem Journalisten von der New York Times sagte. Daraufhin erschien dann dieser wirklich häßliche Artikel, in dem die Studenten als Nationalisten bezeichnet wurden. Kompletter Blödsinn, der Junge wollte ihm nur erklären, was für einen Mann die Amerikaner da als Garanten für das Dayton-Abkommen ansahen.
Die Zajedno-Chefs Djindjic und Draskovic scheinen manchem aber wegen ihrer nationalistischen Anwandlungen auch keine rechte Alternative zu sein.
Sie haben Karriere gemacht in einem System, das halt so war, wie es war. Natürlich kann man jetzt alles gegen sie verwenden, was sie in der Vergangenheit taten. Doch es geht nicht um die Frage, ob man sie liebt oder nicht. Das blinde Vertrauen in irgendwelche Führer ist verschwunden. Wenn Djindjic oder Draskovic durch diese Bewegung an die Macht kommen, werden sie Respekt haben vor der Kraft, die das bewirkte. Wir wollen keinen Messias, keine Vaterfiguren, sondern Leute, die ihren Job gut machen. Und das wird ein harter Job sein. +++